Es gibt eine Anforderung im EU AI Act, die weniger Aufmerksamkeit bekommt als die Risikoklassen, aber deutlich mehr Unternehmen betrifft. Sie besagt sinngemäss, dass Organisationen für ein ausreichendes Mass an KI-Kompetenz bei den Personen sorgen müssen, die diese Systeme in ihrem Auftrag einsetzen.
Sie gilt seit Anfang 2025 und unabhängig von der Risikoklasse. Sie betrifft also auch die harmlose Zusammenfassungsfunktion, die Sie letzte Woche für dreihundert Mitarbeitende freigeschaltet haben.
Was damit nicht gemeint ist
Nicht gemeint ist ein Zertifikat, ein Prüfungsnachweis oder eine Schulung über die Funktionsweise neuronaler Netze. Der Gesetzgeber verlangt kein technisches Verständnis, sondern ein angemessenes: Die Menschen sollen wissen, was das Tool kann, wo es zuverlässig ist, wo es sich irrt und was sie damit nicht tun dürfen.
Das ist eine niedrigere Hürde als befürchtet – und eine höhere, als eine einstündige Produktvorstellung leistet.
Was in der Praxis genügt
- Eine kurze, verständliche Einweisung pro Rolle: Wofür ist dieses Tool in Ihrer Arbeit gedacht, und wofür nicht?
- Drei bis fünf konkrete Beispiele für typische Fehler, mit echten Fällen aus dem eigenen Haus statt allgemeinen Warnungen.
- Klare Angaben dazu, welche Informationen hineingehören und welche nicht.
- Eine benannte Anlaufstelle für Zweifelsfälle, die tatsächlich antwortet.
- Ein Nachweis, dass das stattgefunden hat – eine Teilnehmerliste und die Unterlagen genügen.
Der Nachweis ist der kleinste Teil des Aufwands. Er ist nur der Teil, an den niemand denkt.
Warum das nicht nur regulatorisch sinnvoll ist
Der praktische Nutzen ist grösser als die Pflicht. Menschen, die verstehen, wo ein Tool irrt, nutzen es souveräner und melden Probleme früher. Menschen, die es nicht verstehen, tun eines von zwei Dingen: Sie vertrauen blind oder sie nutzen es gar nicht. Beides kostet Sie mehr als die Einweisung.
Der häufigste Fehler in der Praxis ist übrigens nicht mangelndes Vertrauen, sondern zu viel davon. Wer eine flüssig formulierte, falsche Antwort nicht als solche erkennt, trifft eine schlechte Entscheidung mit gutem Gefühl.
Wo ich ansetzen würde
Beginnen Sie bei den Rollen mit dem grössten Schadenspotenzial: Personalbereich, Finanzen, Recht, Kundenkommunikation und alle, die Aussagen gegenüber Kunden machen. Danach die Breite. Der Aufwand liegt bei ein bis zwei Stunden pro Rolle, wenn die Beispiele aus dem eigenen Haus kommen.
Und dokumentieren Sie es. Nicht, weil die Dokumentation den Nutzen bringt, sondern weil Sie sonst in zwei Jahren eine Anforderung erfüllt haben, ohne es belegen zu können.